Matthias Ramer ist Cluster General Manager und seit über 20 Jahren bei Sorell Hotels und Restaurants tätig. Er führt das Boutique Hotel Seidenhof mit dem Restaurant Enja sowie das Boutique Hotel St. Peter in Zürich. In seinem Team arbeitet unter anderem Jazie Wider, Lernende Hotel-Kommunikationsfachfrau. Zwei Generationen, geprägt von unterschiedlichen Erfahrungen und Blickwinkeln, verbunden durch die gemeinsame Frage, wie Nachhaltigkeit heute gelebt werden kann. In diesem Beitrag gibt Matthias persönliche Einblicke in seinen eigenen Lernprozess und erzählt, wie ihn der Austausch mit der jüngeren Generation dabei begleitet.
In meiner Generation sind wir nicht selbstverständlich mit dem Thema Nachhaltigkeit aufgewachsen. Weder privat noch beruflich hat es mich früh geprägt. Als wir in den Sorell Hotels & Restaurants vor fünf Jahren begannen, uns systematisch damit zu befassen, startete auch für mich ein persönlicher Lernprozess. Einer, der herausfordernd war und mich dazu brachte, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen.
Ich musste Gewohntes hinterfragen, Entscheidungen neu bewerten und Verantwortung anders denken. Nachhaltigkeit bedeutete für mich zunächst Verzicht. Heute verstehe ich sie als unternehmerische Aufgabe und als Haltung im Alltag. Bei der ZFV leben wir Nachhaltigkeit als stetigen Entwicklungsprozess. Genau dieser Rahmen ermöglicht es mir, meinen eigenen Zugang dazu kontinuierlich zu schärfen.
Dort ansetzen, wo wir Wirkung erzielen
Ich bin ehrgeizig. Wenn ich etwas anpacke, dann richtig. Deshalb war für mich früh klar, dass wir dort beginnen müssen, wo wir den grössten Hebel haben: in der Gastronomie. Die Reduktion tierischer Produkte ist ein wirksamer Schritt. Gleichzeitig eröffnet sie Raum für Kreativität.
Wir gestalten unsere Speisekarte im Restaurant Enja so, dass vegetarische und vegane Gerichte in den Vordergrund treten. Fleischgerichte bleiben Teil des Angebots und ergänzen die Karte. Entscheidend ist für mich nicht das Verbot, sondern die kluge Gestaltung. Wir wollen es unseren Gästen leicht machen, sich für eine klimafreundliche Option zu entscheiden.
Dabei bewegen wir uns in einem Spannungsfeld unterschiedlichster Gästeerwartungen. Wir tragen unternehmerische Verantwortung und möchten gleichzeitig Mehrwert schaffen. Perfekte Lösungen gibt es selten. Ich habe gelernt, dass Nachhaltigkeit bedeutet, abzuwägen, auszuprobieren und weiterzuentwickeln.
Ein wichtiger Meilenstein war das Nachhaltigkeitslabel ibex fairstay in der höchsten Stufe Platinum. Ebenso der letztjährige «Best of ibex fairstay 2025»-Preis für die beste Gesamtleistung, mit dem wir im Boutique Hotel Seidenhof ausgezeichnet wurden. Für mich war dies weniger ein Ziel als eine Bestätigung, dass wir auf dem richtigen Weg sind.
Zwei Generationen, zwei Blickwinkel
Besonders prägend ist für mich der Austausch mit jüngeren Mitarbeitenden. Für viele von ihnen ist Nachhaltigkeit selbstverständlich. Für meine Generation bedeutete sie zunächst ein Umdenken.
Ein starkes Beispiel dafür ist für mich Jazie Wider, Lernende Hotel-Kommunikationsfachfrau. In unseren Nachhaltigkeits-Workshops bringt sie ihre Perspektive aktiv ein. Sie stellt kritische Fragen, macht konkrete Vorschläge und argumentiert mit Überzeugung. Nicht immer teilen wir dieselbe Meinung. Genau darin liegt jedoch der Mehrwert. Unsere Diskussionen fordern mich heraus und erweitern meinen Blick.
Ich schätze diese Hartnäckigkeit. Sie zeigt, wie selbstverständlich Verantwortung heute von jungen Menschen eingefordert wird. Gleichzeitig kann ich meine Erfahrung einbringen und unternehmerische Zusammenhänge aufzeigen. Dieser Dialog zwischen den Generationen ist kein Nebenschauplatz, sondern der Motor unserer Entwicklung.
Nachhaltigkeit als gemeinsamer Prozess
Unsere internen Nachhaltigkeitsteams geben diesem Austausch Struktur. Mitarbeitende aus verschiedenen Abteilungen sowie eine Lernendenvertretung entwickeln Ideen und bringen sie ins Direktionsteam ein. Dort werden sie geprüft, priorisiert und umgesetzt. Treten Hürden auf, gehen wir in den Dialog. Für mich ist genau das gelebte Verantwortung.
Heute kann ich mit Überzeugung sagen: Nachhaltigkeit ist ein fortlaufender Lernprozess – für unser Unternehmen und für mich persönlich. Sie gelingt nur, wenn Generationen bereit sind, einander zuzuhören und gemeinsam weiterzudenken.
Vier Fragen an Jazie
Nachhaltigkeit ist für viele junge Menschen selbstverständlich. Was hat dieses Bewusstsein bei dir persönlich geprägt und wo unterscheidet sich dein Zugang vielleicht von dem älterer Generationen?
Jazie: Meine Generation wächst mit einem viel präsenteren Bewusstsein für Nachhaltigkeit auf. Schon als Kind habe ich gelernt, Ressourcen zu schonen – etwa das Licht zu löschen oder beim Zähneputzen das Wasser abzudrehen. Solche Dinge wurden früh selbstverständlich.
Zudem haben wir durch soziale Medien permanent Zugang zu Informationen über Klimawandel und globale Zusammenhänge. Im Austausch mit älteren Generationen merke ich oft, dass sie sich dieses Wissen später angeeignet haben. Im Gegensatz dazu ist für meine Generation Nachhaltigkeit weniger ein Zusatzthema, sondern Teil unseres Alltags und unserer Haltung.
Wenn du in Nachhaltigkeits-Workshops mitdiskutierst, welche Themen sind dir besonders wichtig?
Jazie: Mich interessieren vor allem konkrete Lösungen mit messbarer Wirkung. Ebenso wichtig finde ich neue Arbeitsweisen, bei denen Nachhaltigkeit von Anfang an mitgedacht wird, inklusive Chancen und Risiken.
Bei Sorell geht es zusätzlich darum, wie wir Massnahmen für unsere Gäste erlebbar machen. Nachhaltigkeit soll nicht belehren, sondern inspirieren und im besten Fall wertvolle Denkanstösse liefern. Mehr Tempo wünsche ich mir vor allem bei der konsequenten Umsetzung über alle Bereiche hinweg.
Was lernst du im Austausch mit erfahrenen Führungspersonen über unternehmerische Verantwortung und was können sie deiner Meinung nach umgekehrt von deiner Generation mitnehmen?
Jazie: Beim ZFV erlebe ich, dass meine Ideen ernst genommen werden. Gleichzeitig lerne ich, wie komplex es ist, Massnahmen wirtschaftlich tragfähig und auf allen Ebenen umsetzbar zu machen. Der Austausch mit Matthias zeigt mir, wie wichtig strategisches Denken und langfristige Perspektiven sind.
Umgekehrt bringt meine Generation eine grosse Selbstverständlichkeit im Umgang mit Nachhaltigkeit mit, und den Anspruch, Dinge schneller und mutiger anzupacken.
Kannst du uns ein Beispiel für die letzte Diskussion im Bereich Nachhaltigkeit geben, die Matthias und du hatten?
Jazie: Im Rahmen des Ibex fairstay-Programms haben wir ein Nachhaltigkeits- und Qualitätsteam aufgebaut. Diese bestehen aus verschiedenen Generationen: Lernende, Mitarbeitende und junges Kader. Gemeinsam haben wir Alltagsprozesse hinterfragt wie beispielsweise den Materialeinsatz im Front Office oder das Frühstücksangebot und die Mülltrennung.
Viele Verbesserungen sind aus diesen Diskussionen entstanden. Besonders motivierend war für mich, dass neue Ideen wahrgenommen und wertgeschätzt wurden – etwa durch persönliches Feedback von Matthias.
Über Sorell
Sorell ist Teil der ZFV-Genossenschaft und betreibt in der Deutschschweiz 13 Boutique-Hotels, sechs Restaurants und einzigartige Eventlocations in sechs Destinationen. Als Boutique-Hotelgruppe bietet Sorell Individualität, lokal geprägte Erlebnisse und persönliche Gastfreundschaft. Sorell legt hohen Wert auf Ressourcenschonung – alle Hotels sind «Swisstainable» Level III sowie nach «ISO 14001» zertifiziert.